Gedanken

Zum Nachdenken ...

Aber der Herr sprach zu ihm: „Geh wieder deines Weges durch die Wüste.“
1. Könige 19,15

 

Wüstenerlebnisse können faszinierend sein. Manche Erlebnistouristen suchen dieses Abenteuer - natür­lich mit Führer, genügend Proviant und der Gewiss­heit, dass keine Gefahr droht. Ich selbst bin mit Freunden nur eine kurze Strecke durch die Wüste gewandert. Es war brutal heiß, und wir waren heil­froh, dass es in der Oase Kühles zu trinken gab.

Der große Prophet Elia wanderte auch durch die Wüste, nein, er stolperte herum - allein. Dann legte er sich unter einen Ginsterstrauch in den Schatten und wollte sterben. Er war allein mit sich, seinem Leben, seinen Erinnerungen, und erstaunlicherweise waren es nicht die positiven, die ihm vor Augen standen, sondern die negativen. Er hatte ein Bild von sich, von der Welt, von Gott - und er scheiterte. Nichts schien mehr zu stimmen. In seinem Kopf herrschte Chaos. Es gab scheinbar keinen Weg und keinen Ausweg.

Chaos- und Wüstenerlebnisse machen keinen Spaß. Wir suchen eher die Bestätigung in dem Mehr des Bisherigen, in der Addition zum bisher Bekann­ten. Nur: Neues entsteht so nicht - keine neue Er­kenntnis, keine schöpferische Arbeit, keine Kreativi­tät - weder in der Kunst noch in der Lebensbewältigung und auch nicht im Glauben. Wirklich Neues entsteht aus dem Chaos, wenn es sich ordnet nach bisher un­bekannten Mustern. Selbst Gott hat die Welt aus dem Chaos geschaffen.

Elia erlebte das Chaos bedrückend. Aber er ging kraft einer Speise des Engels seinen Weg. Das Ziel war der Berg Gottes. Dort sprach Gott mit ihm auf eine ihm bisher unbekannte Weise: nicht aus dem Sturm, nicht aus dem Feuer, nicht aus dem Erdbeben. So hatte Elia sich Gott bisher vorgestellt: der Gewaltige, der Furchteinflößende. Doch nun sprach Gott aus dem „stillen, sanften Sausen“ (1 Kön 19,7-12). So hatte er Gott noch nie gesehen. Das Chaos begann sich zu lich­ten. Elia hatte eine neue Gottesanschauung. Er bekam eine neue Weltsicht; denn Gott gab ihm den Auftrag, einen König zu salben und einen Nachfolger für sich selbst.

Oft denken wir, die Wüste sei leer, aber sie lebt. Gott selbst belebt sie durch seine Engel, durch seinen Geist. Er schafft Neues. Wir erleben Gott neu, den Mitmenschen neu, uns selbst neu; denn Gott gibt uns seine Perspektive. Und wir leben.


Johann Gerhardt

 

© Advent-Verlag Lüneburg - mit freundlicher Genehmigung